Ulf-Thomas Lesle

„Als Produkt der Geschichte produziert der Habitus individuelle und kollektive Praktiken, also Geschichte, nach den von der Geschichte erzeugten Schemata“. Pierre Bourdieu

Wer über niederdeutsche Literaturwissenschaft als Fach sprechen will, der wird  erst einmal feststellen müssen, dass sich im universitären Kanon die Ordnung der Dinge nur scheinbar spiegelt. Es gibt keine Wissenschaft, die stabile, von ihrem jeweiligen Gegenstand verlässlich garantierte Konturen besitzt. Dass die Grundlage einer akademischen Disziplin eine Einheit von klar definiertem Gegenstandsbereich und ebenso klar definierter Methode sei, diese Vorstellung ist kaum mehr als eine nützliche Fiktion. Das lehrt der Blick auf die institutionellen, die kulturellen und politischen Konstellationen, innerhalb deren sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts universitäre Forschung und Lehre allgemein im Bereich der Germanistik und besonders in der niederdeutschen Philologie herausgebildet haben. Gerade die jüngere methodische Ausdifferenzierung im Bereich der allgemeinen Literaturwissenschaft zeigt eindrücklich an, dass niederdeutsche Literaturwissenschaft nicht umhin kommen wird, sich im Kontext der aktuellen Forschungsentwicklung ihres Gegenstandes grundlegend neu zu vergewissern.          

Plädoyer für eine kulturwissenschaftliche Öffnung des Faches

Begründung und Ausbau der niederdeutschen Philologie standen im Zeichen einer zunächst sprachhistorischen, später dann auch dialektologischen Erforschung der unterschiedlichen Sprachstadien unter dem Aspekt der besonderen Stellung des Niederdeutschen gegenüber dem Hochdeutschen. Während die Anfänge der niederdeutschen Philologie, konzentriert auf die älteren Sprachformen und ihre Literatur, noch durch eine Verbindung von Sprach- und Literaturwissenschaft gekennzeichnet waren, hat sich das fachwissenschaftliche Interesse mit der Auffächerung der sprachlichen Existenzformen durch Wandel und Varietäten, mithin durch ein zunehmend vielgestaltiges Kontinuum zwischen den Polen Standardsprache und Basisdialekt, zur Sprachwissenschaft hin ausdifferenziert. Während die linguistisch orientierte niederdeutsche Philologie sich an der Theoriediskussion der modernen Dialektologie beteiligt, ist der Forschungsstand der niederdeutschen Literaturwissenschaft in den letzten dreißig Jahren, von einigen Ausnahmen abgesehen, über traditionelle hermeneutische Ansätze nicht wirklich hinausgelangt. Dies ist aller erst ein Anzeichen dafür, dass der Innovationsdruck auf das Fach nicht eben groß ist. Die Herausforderung durch sprachkritische und  mentalitätsgeschichtliche Erklärungsansätze oder gar moderne ethnologische Theorien, die für eine Pluralisierung der Methoden stehen, ist von der niederdeutschen Literaturwissenschaft bisher nicht angenommen worden. An keinem der Lehrstühle für niederdeutschen Philologie gibt es gegenwärtig ein um kulturwissenschaftliche Erkenntnisperspektiven erweitertes Forschungs- und Ausbildungskonzept für den Bereich der Literaturwissenschaft.

Literatur besitzt potentiell einen Doppelcharakter, sie ist ‚fait social‘ und zugleich autonom. Aus dieser Zwittergestalt von Literatur erwächst ihre retardierende Kraft, ihre Opposition gegen die schiere Diesseitigkeit. Die Literatur der Moderne kann ihre Widerständigkeit gegenüber einer verdinglichten Warenwelt umso mehr behaupten, je abstrakter und hermetischer sie ist. Bei dem Aspekt einer Autonomie von plattdeutsch verfasster Literatur kommt allerdings ein wesentliches, sprachhistorisch bedingtes Kennzeichen des Niederdeutschen ins Spiel, weil der ästhetische Eigensinn plattdeutschsprachiger Texte auf ein theoretisch-dialektologisches Faktum prinzipiell gespiegelt bleibt: auf die Diglossie-Situation in diesem Sprachraum. Denn bei den jeweils unterschiedlichen Kommunikationsradien und Gebrauchsweisen der Kontaktsprachen Mundartvarietät und Standardsprache, ihrem spannungsreichen Nebeneinander, sind die plattdeutschen Varietäten, auch in ihrer schreibsprachlichen Notation, sowohl räumlichen als auch normativ-funktionalen Beschränkungen unterworfen.

Wie jede Theorie hat Literaturwissenschaft die Aufgabe der Orientierung, sie muss eine Distanz zu ihrem Objekt halten, um ihren Wahrheitsgehalt zu bewahren. Kulturgeschichtliche Literaturwissenschaft, im Zuge eines Reformprojekts der Geisteswissenschaften seit Mitte der 80er Jahre zunächst theoretisch-methodologisch und später dann auch akademisch-institutionell etabliert, ist deswegen durch ein Bündel von Fragestellungen und Erkenntnisverfahren bestimmt, das den idealistisch geprägten Kulturbegriff reformuliert hat und sich damit von traditioneller Textwissenschaft emanzipieren konnte. Kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft betrachtet Literatur nämlich als Teil der Gesamtkultur, untersucht also das Mitwirken von Literatur „an Konstitution und Veränderung von kulturellen Sinn- und Zeichenbildungen“ [1].

Eine sprach- oder kulturtheoretische Analyse der symbolischen Sinn- und Zeichenbilder, mit denen im sprachlichen Subsystem der Mundart Wahrnehmung modelliert werden, schien bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Objekt niederdeutsche Literatur bislang weitgehend entbehrlich. Wohl nicht zuletzt deswegen, weil der Mythos von der Eigensprachlichkeit des Niederdeutschen auch bei der Deutung und Wertung von Literatur zu ihrer „Überhöhung“ verführen kann [2]. Die spezifischen kognitiv-emotiven Funktionen, die mundartliche Texte in einem sprachfunktional differenzierten Kultursystem als habituelle Distinktionen haben, sind jedenfalls der blinde Fleck der literaturwissenschaftlichen Fokussierung plattdeutscher Sprachgebilde. Dieses Desiderat ist umso gravierender, als im Zuge einer allgemeinen Politisierung von Kultur sich im letzten Jahrzehnt wieder vermehrt historisierend-genetischen Perspektiven in den Vordergrund geschoben haben, während die niederdeutsche Literaturwissenschaft in den 80er Jahren, zumindest in Teilen, gerade durch den Wechsel von der traditionell-diachronen zu einer synchronen Wahrnehmungsperspektive geprägt war [3]. Grundsätzliche Fragen beispielsweise nach der kommunikativen Reichweite und Funktion der plattdeutschen Varietäten in einer mehrsprachigen Gesellschaft sind in jüngster Zeit von einer allgemeinen Wert- und Statusdiskussion des Niederdeutschen überlagert worden [4]. Eine Diskussion, die die Widersprüche auch bei der wissenschaftlich-methodischen Annäherung an plattdeutsche Dialektliteratur aufzeigt, durchmischen sich dabei doch letztlich kulturalistische Vorstellungen, philologische Argumentationen und laienlinguistisch geprägte metasprachliche Urteile. 

Neue gesellschaftliche Dynamiken haben im letzten Jahrzehnt dazu beigetragen, dass die Kontingenz kultureller Prägung zumindest vorbewusst deutlicher als zuvor empfunden wird. Je mehr insbesondere Formen der Alltagskultur von weltweit produzierten Verhaltensweisen überlagert und durchdrungen werden, desto stärker wird kulturelle Identität gerade von Deutungseliten als eine kollektive Handlungsnorm interpretiert, die von einer unhintergehbaren primordialen Bindung an die Kultur bestimmt scheint. So wird beispielsweise die intersubjektive Versprachlichung von Wirklichkeit wieder im Sinne einer besonderen Herkunftsgeschichte von Sprache und Sprecher gedeutet. Doch in der Sprache wird nicht nur die Erfahrung von historischer Wirklichkeit vermittelt und widergespiegelt. Sprachfähigkeit ist Vernunftfähigkeit. Als normatives System konstituiert Sprache die Mittel, aber auch die Grenzen jeglicher Erkenntnis, denn die Welt wird im Licht sprachlicher Begriffe strukturiert. Mithilfe der Begriffe wird die Wirklichkeit erzeugt, in der wir uns verständigen. Den aktuellen Rahmen, dem normative Erfahrung – nämlich Deutung und Bedeutung von Wirklichkeit – jeweils geschuldet ist, bildet die soziale Welt, in der wir uns ‚verstehen‘. Wenn die Versprachlichung des Realen durch das Plattdeutsche, das heute in aller Regel ungesteuert als Zweitsprache erlernt wird, nicht immer auch als soziale Konstruktion eines bestimmten Denkens und Handelns verstanden wird, als Lebensform, die mit der pragmatisch-semantischen Normativität dialektsprachlicher Kognition und Kommunikation tief verwoben ist, dann wird die Öffnung der niederdeutschen Literaturwissenschaft für kulturwissenschaftliche Fragestellungen allerdings utopisch bleiben. Dann aber würde auch die Chance vertan, mundartliche Erzählverfahren als funktionalen Teil eines interdiskursiven habituellen Kontextes im Sinne Bourdieus zu verstehen. Stellen sich sprachlich geprägte Kulturformen im Focus der Kulturwissenschaft doch in erster Linie als ein sozial konstruiertes Bezugssystem von Werten, Normen und Verhaltensweisen dar. Es erstaunt deswegen nicht, wenn dieses Bezugssystem im kollektiven Gedächtnis einer Gesellschaft als mentale Orientierung immer dann aktualisiert wird, wenn die Ausschlusskriterien der eigenen Lebensform bedroht scheinen.  Angesichts auch von kultureller Globalisierung hat sich das Bedürfnis, sich normativ abzugrenzen, jedenfalls deutlich gesteigert. Diese Entwicklung begünstigt einen Milieuethnozentrismus, der auf einer individuell psychischen Ebene sowohl gedankliche (mental-kognitive) als auch gefühlsmäßige (emotiv-affektive) Dimensionen umfassen kann. Das Phänomen einer quasi-natürlichen Ethnisierung von Teilgruppen existiert dabei zeitgleich neben der zunehmenden Pluralisierung der Lebensstile in modernen Gesellschaften [5] .       

Nach der Debatte über die Verstrickungen der Germanistik in die Ideologiegeschichte des „Dritten Reiches“, initiiert durch den moralischen Impuls der Studentenrevolte von 1968, wurden Anfang der 70er Jahre für den Forschungsgegenstand der niederdeutschen Dialektliteratur tiefenhermeneutische Verfahren als nicht objektivierbar abgewiesen [6]. Dieser dem Anschein nach ideologiefreien Perspektive ist seither allerdings jener literaturwissenschaftliche Focus zum Opfer gefallen, der die innersprachliche Ästhetik der mundartlichen Literarizität in Augenschein nehmen könnte. Denn der seit den 70er Jahren gültige Kanon, niederdeutsche Literatur unterscheide sich in ihrer sprachlich-ästhetischen Verfasstheit einzig der Form nach von standardsprachlicher Literatur, weise also grundsätzlich keine anderen Distinktionen auf als jede anderssprachliche Literatur, dieser Kanon ist an die Imago gebunden, Produktion gleichermaßen wie Rezeption von Dialektliteratur erfolge idealerweise unter den gleichen Voraussetzungen und Bedingungen wie die von standardsprachlicher Literatur. Folgt man dieser poetolgischen Kategorisierung, bleibt zumindest die extensionale Bestimmung von niederdeutscher Literatur auf einen ästhetischen Horizont bezogen, dessen Linie sich innersprachlich kaum fortsetzt. Denn bei diesem Erklärungsmodell bleibt die spezifische geschichtlich-soziale Konstellation der Dialektsprachlichkeit von Literatur einer sprach- und erkenntniskritischen Analyse entzogen. Dem zeitgeschichtlich bedingten Verdikt gegenüber traditionellen außersprachlichen Normen war die historisch-genetisch abgeleitete Bewertung der plattdeutschen Literatursprache als eine sprachliche Form, die sich einzig ihrem Lautstand nach von anderen Sprachformen unterscheidet, zirkelhaft eingeschrieben. Weil dieses statisch-essentialistische Sprachmodell, das von den situativen und sozialen Bedingungen der Sprachwahl und dem Prozess des Sprachwandels weitgehend abstrahiert, vorherrschend geblieben ist, hat in der niederdeutschen Literaturwissenschaft bislang kein nennenswerter Austausch mit solchen Erkenntnisperspektiven stattgefunden, die angemessener mit plattdeutscher Literatur umgehen, als es traditionelle textimmanente Zugänge gemeinhin vermögen.  

Eine um sprachhandlungstheoretische und psychoanalytische Verfahren erweiterte Hermeneutik könnte sich also als höchst produktiv erweisen bei der methodischen Klärung, ob plattdeutsche Texte gemeinhin nicht einer anderen narrativen Logik folgen als die erzählerische Fiktion hochdeutscher Literatur. Bleibt die Wirklichkeitsbildung mittels einer Sprache, die lexikalisch unausgebaut ist, doch letzten Endes an eine residuale Kontextrekonstruktion gebunden. Für die strukturale Psychoanalyse spielt Sprache eine fundamentale Rolle. Weil Sprache jegliche Erkenntnis a priori strukturiert und somit Wirklichkeit erzeugt. In einer psychoanalytisch-hermeneutischen Textanalyse stellt sich beispielsweise die wichtige erkenntniskritische Frage, ob in der Zeichenbildung auch des verschrifteten Dialekts nicht ein mentales Verlangen nach informeller Entdifferenzierung zumindest aufscheinen kann.

Ein psychoanalytischer Textzugang könnte beispielsweise aufzeigen, dass sprachliches Handeln nicht nur mit regelhaft eingeübten Lebensstilen verwoben ist, sondern letztlich darüber entscheidet, wie Wirklichkeit symbolisiert und angeeignet wird. Sprachhandeln im Dialekt erwächst demzufolge einer anderen psychischen Verfasstheit als Sprachhandeln in der hochdeutschen Standardsprache. Die subjektive Wirklichkeit des plattdeutschen Textes, seine Fiktion, ist zweifellos schon sprachlich vorbewusst eine andere als die der standardsprachlichen Literatur. Denn der ästhetische Eigensinn plattdeutscher Literatur bleibt stets auf das reale ‚fait social’ der gesprochenen Sprache bezogen, auf das in ihr aufgehobene residuale sprachliche Abbild einer komplexen Welt. Bei allem Abweichen des poetischen Diskurses von diesem sprachimmanent wirkenden Quasi-Stereotyp der Unterkomplexität, dem Versuch der Autoren also, eine ideale Form-Inhalt-Kongruenz zu finden – literarisierte Mundart kann sich, zumindest intentional, nur auf die Bedingungen und Funktionen beziehen, unter denen plattdeutsche Kommunikation in einem konkreten sozialen Raum stattfindet [7]. Der metaphorischen Abstraktion, Kennzeichen der Autonomie jeder modernen Literatur, sind damit im Plattdeutschen letztlich weitgreifende normative Grenzen gesetzt. Damit der Dialekt als Literatursprache verständlich bleibt, muss diese Mündlichkeit simulieren, sonst kündigt sie den kommunikativen Konsens auf [8]. Als Sprache der Literatur ist Plattdeutsch damit in gewisser Weise gleich doppelt artifiziell. Deswegen wird gelegentlich bereits der Verschriftungsakt, gewiss kurzschlüssig, als die eigentliche Dignität des Mundarttextes aufgefasst. 

Die Ausgangsfrage jeder Beschäftigung mit Mundartliteratur, die Frage nämlich, welche eigentlich widersprüchliche Funktion eine nicht-literarische Sprache im Gebrauch als mediale Kultursprache hat, lässt sich mit einem forschungspraktischen Konzept, bei dem die literatursprachliche Form des plattdeutschen Textes in die Kollektivsymbolik der vorbewusst ‚alten’ Sprache eingebettet bleibt, deren Ausdruckspotential unbegrenzt zu sein scheint, wissenschaftlich kaum befriedigend beantworten. Und dies umso weniger, weil sich der Korpus der Mundartvarietäten in der diglossischen Sprachlagenfiguration der letzten zweihundert Jahre rückgebildet hat. Deswegen ist heute auf makro- wie auf mikrosoziologischer Ebene ein gravierender Abbau von kommunikativen Funktionen und dialektalen Kompetenzen zu verzeichnen [9]. Der offenkundige Prozess des Dialektverfalls und -verlustes des Plattdeutschen wird seit den 70er Jahren allerdings von einem Sprachimage begleitet, das im Zuge eines allgemeinen gesellschaftlichen Wertewandels zunehmend positiv besetzt ist. Dass diese neue soziale Bewertung weit über die eigene Kulturszene hinauswirkt, verdankt sich ganz entscheidend der immer noch stabilen medialen Praxis des Plattdeutschen im Spannungsfeld von Mündlichkeit und Verschriftung. So eng, wie sich die ästhetische Autonomie der plattdeutschen Literatur einerseits normativ auf die Strukturen einer Mündlichkeit bezieht, so stark ist andererseits doch das Repräsentationsstreben des verschrifteten Textes, der die Merkmale sprachlicher Gruppensymbolik reproduziert. Denn der literarische Text verknüpft die Kollektivsymbolik der vorbewusst ‚alten’ Sprache am sinnfälligsten mit der Vorstellung von einer erzwungenen Akkulturation der Sprechergemeinschaft, die sich, zumindest in Teilen, in bezug auf ihre sprachkulturelle Identität als kolonialisiert interpretiert.

Im Zuge eines tiefgreifenden Wandels auf allen Gebieten des ökonomischen, kulturellen und politischen Zusammenlebens verbindet sich die Semiotik auch des literarischen Raumes insbesondere im letzten Jahrzehnt mit der Phänomenologie eines hochgradig schützenswerten partikularen Sprach- und Kulturraums. Dieser Raum soll eine ethnisch geprägte Gruppenzugehörigkeit markieren. Im Prozess einer alternativen Modernisierung werden die kognitiven und affektiven Identitätszuschreibungen dieses Heimatraumes vielfach revitalisiert. Hierbei sind es vor allem die systemischen Formen medialer Praktiken, vom Theater hin bis zum Internet, die als sprachgebundene identitäre Optionen eine erhebliche Faszination auszuüben scheinen. Wenn Globalisierung die Kohäsionskraft nationaler Gemeinschaften zunehmend in Frage stellt, dann, so scheint es, können Menschen beispielsweise mit Hilfe des Plattdeutschen als Zweit- oder Tertiärsprache kognitive und emotive Bindungen herstellen – zumindest in einem subnationalen, regionalen Bezugsrahmen. 

Wird die Allianz zwischen historistisch-kulturrelativistischen Denkfiguren und den Funktionen des Plattdeutschen als Kulturdialekt nicht reflektiert, dann gerät die systemische Erzeugung habitueller Formen gerade auch im Medium der Literatur allerdings nicht in den Blick. Die neue sprachlich-territoriale Identitätsrekonstruktion ist deswegen so bemerkenswert, weil dabei gesellschaftlich-politische Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster öffentlich reglegitimiert werden, die in diesem Diskursfeld bislang eher als vorbewusste Steuerungsgrößen gewirkt haben [10].

Die Entfaltungslogik der medialen Praxis einer mündlich tradierten Sprachform innerhalb des sozialen Geltungsbereichs eines relativ geschlossenen gesellschaftlichen Systems, diese Logik ist in der niederdeutschen Literaturwissenschaft bislang kein Gegenstand der Reflexion gewesen. Eine wirklich umfassende regulative Wirk- und Wertungsgeschichte der plattdeutsch verfassten Literatur der letzten einhundertfünfzig Jahre ist bisher nicht geschrieben worden. Damit fehlen angemessene Ordnungsstrukturen für den Umgang mit diesen nicht-standardsprachlichen Texten, deren ungewöhnliche Literatursprache eine kulturell-habituelle, eine letzten Endes „politisch interpretierbare Bruchlinie“ darstellt [11]. Angesichts der gegenwärtigen substantiellen Konvergenz von Hoch- und Niederdeutsch ist die intentionale sprachliche Differenzmarkierung heute nicht einmal mehr durch wirklich systematische Sprachunterschiede angezeigt. Symbolisiert doch häufig schon ein Merkmal, das lediglich als Plattdeutsch wahrgenommen wird, eine konstitutive Differenz zur Standardsprache, als strukturierendes opus operatum. Wie gering  die Distanz der Kontaktsprachen, linguistisch betrachtet, real sein mag, als mediale Gebrauchsnorm eines kleinräumig-regional bestimmten kulturellen Lebensstils scheinen die plattdeutschen Varietäten in Norddeutschland immer noch und augenscheinlich aufs Neue kollektive Identität zu beglaubigen. Können doch offenbar gerade in ihrer Praxisform als ‚Kulturdialekt’ Mundarten ganz generell kulturelle Sinn- und Zeichenbildungen erzeugen, die innerhalb eines reaktiv fest gefügten sozialen Systems habituelle Dispositionen als eine Vergangenheit, die im Gegenwärtigen überdauert, aktualisieren. Weil sie das Versprechen auf die Kontinuität einer Gemeinschaft enthalten.

Im historistischen Paradigma des Niederdeutschen als lingua franca scheint überdies die ethnische Mystifikation vom ganzheitsstiftenden Anschluss an einen verschütteten Ursprung noch immer aufgehoben, zumindest metaphorisch. Diese kollektive Imago überspringt allerdings, was jeglicher Kultur als Fundament unveräußerlich ist: Dass sie weder als Gegebenes beliebig verfügbar ist, noch sich planmäßig erzeugen oder gar willkürlich steuern lässt.              

Neuverschriftung und ‚kulturdialektaler’ Ausbau des Plattdeutschen

Produktion gleichermaßen wie Rezeption mundartlicher Literatur sind durch die nationale Romantik stimuliert und begünstigt worden. Mit dem Historismus der frühen Geisteswissenschaften ist auch die niederdeutsche Sprachgeschichte in die Konstruktion einer Identität von Volks- und Sprachgemeinschaft eingebunden gewesen. Während in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Geist des aufklärerischen Rationalismus mehr und mehr zerbrach, schuf der politische Germanismus mit seiner Vorstellung vom sprachlich inkorporierten Volksgeist eine kollektive identitäre Setzung im Schnittpunkt zwischen Mythos und Utopie. Nationale Romantiker wie Johann Gottlieb Fichte und Ernst Moritz Arndt bezogen sich in ihrem antinapoleonischen Überbietungsnationalismus nicht mehr auf ein universelles ‚Vaterland‘ der Patrioten. Bei ihnen wird die ‚Deutschheit‘ des ‚Volkes‘ zur geschichtseschatologischen Idee von der Nation. Mit einer säkular-religiösen Mystifizierung der deutschen ‚Stämme‘ wurde deren scheinbar naturwüchsige vorgeschichtliche Gegebenheit zum ganzheitsstiftenden Besitzstand der ‚Volksnation‘ verklärt. Auf diesem mythologischen Denken fußte letztlich auch die Vorstellung, die plattdeutschen Mundarten des 19. Jahrhunderts seien das direkte Kontinuum einer ‚sassischen‘ Stammessprache und mittelniederdeutschen Gemeinsprache. Mit der imaginierten sprachgeschichtlichen Kontinuität ging die Annahme einher, die Dialektverbände in Norddeutschland, die von der hochdeutschen Lautverschiebung nicht erfasst sind, seien, zumindest potentiell, eine eigene Sprache neben dem Hochdeutschen. Dieser Mythos von der Eigensprachlichkeit appellierte an ein ethnisch-kulturell dominiertes Wir-Gefühl der Sprecher, die sich bis dahin nicht als Kollektivsubjekt verstanden hatten. Die Sprachgeschichte diente dem romantischen Kult um das Ursprüngliche, das mit dem Volksmäßigen gleichgesetzt wurde. Der individuelle Intellekt wurde demgegenüber als ‚Willkür des Einzelnen‘ denunziert. Seinen imperativen Gestus gewann dieser identitätssetzende Mythos von der (Sprach-)Heimat der Sprecher bei einer ‚alten‘ lingua materna aus seiner kulturrelativistischen Prägung. War in der kollektiven Projektion doch die Vorstellung angelegt, mit der ‚Substanz‘ eines in der Sprache bewahrten niederdeutschen ‚Volkstums‘ ließe sich die vorgeblich aufgezwungene liberale Verwestlichung der noch nicht geeinten Nation überwinden. In diesem geistesgeschichtlichen Zusammenhängen steht die Neuverschriftung des Plattdeutschen Mitte des 19. Jahrhunderts. Diese Neuverschriftung ist die erste markante Zäsur in der Geschichte des Plattdeutschen seit dem Ende der mittelniederdeutschen Schriftlichkeit in der frühen Neuzeit.

Wenn die Literarisierung des Plattdeutschen auch sicherlich kein punktuelles Ereignis war, so hat mit der Neuverschriftung des Plattdeutschen in den fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts durch Klaus Groth (1819-1899), Fritz Reuter (1810-1874) und John Brinckman (1814-1870) die Mundartliteratur in Norddeutschland doch eine bemerkenswerte Renaissance erlebt, deren Impuls bis in die Gegenwart hinein nachwirkt [12]. Dabei war dieser Literatur, bei allen offenkundigen Unterschieden, die dialektische Relation von Homogenität und Differenz, von Einheit und Besonderheit, mit der stammesgeschichtlich begründeten Literatursprache von Anfang an eingeschrieben. Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis weit hinein in die zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts hat die plattdeutsche Literatur, deren Diskurs sich auf mehrere Traditionsstränge, darunter auch die volkspoetischen Formen, berief [13], machtvoll expandiert. Die Produktion, an deren Prozess Autoren, Verlage und Zeitschriften gleichermaßen beteiligt waren, und moderne Marktmechanismen machten diese Literatur binnen kurzer Zeit zu einer Art Massenware. Einschlägige Periodica und Tageszeitungen waren die bevorzugten Publikationsorte dieses heimatfixierten, politisch-weltanschaulich geprägten Genres. Eine innerliterarische Periodisierung dieser Mundartliteratur ist deswegen kaum möglich, weil sie insgesamt ein Cluster bildet, in dem sich inhaltliche und ästhetische Reflexe auf zeitgenössische Literatur nur ex negativo finden. Umso manifester waren die teils romantisierenden, teils komisch-trivialen Normen und Muster, zwei gegensätzliche Stränge, die sprachlich-formal stilbildend wirkten [14]. Diese Literatur entfaltete sich höchst dynamisch. Denn ihre kollektive Schicht war, entgegen ihrer Traditionsbehauptung,  hochgradig kontingent. Zum Erfolg mit beigetragen hat zweifellos auch die progressive Expansion des Buchmarktes und eine „Demokratisierung des Lesens“ [15] in der Gesellschaft, mit der ein neues Lesepublikum entstand. Niederdeutsche Mundartliteratur wurde vornehmlich in einem kleinbürgerlich geprägten Kulturmilieu Norddeutschlands sowohl produziert als auch rezipiert, als Reflex auf die massiven gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen, die mit der Auflösung der ländlichen Agrar- und Sozialverfassung, dem alles sprengenden Bevölkerungswachstum und der Industrialisierung verbunden waren. Nach der Reichsgründung 1871, in einer Phase krisenhafter wirtschaftlicher und kultureller Modernisierung, ging die Dekomposition des Kleinbürgertums als einer einheitlichen Klasse damit einher, dass Teile dieser Schichten sich bei ihrem Rückzug aus der als bedrohlich empfundenen Gegenwart in ihrer identitären Option auf verschiedene Spielarten eines mystisch übersteigerten Nationalismus bezogen. Der gleichermaßen provinziell-reduktionistische wie politisch-programmatische Welthorizont der plattdeutsch verfassten Literatur appellierte an ein Wir-Gefühl und bot dem verunsicherten wilhelminischen Übergangsmenschen in einer Zeit rascher Veränderungen und brüchig gewordener Werte eine identitätsstiftende Orientierung durch die Symbiose von regionaler Kultur und nationalstaatlichem Bewusstsein. So kam es im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts zu einem sprachgeschichtlich markanten Medienwechsel der plattdeutschen Mundarten. Denn je mehr sich in der bilingualen Sprechergemeinschaft die hochdeutsche Standardsprache durchsetze, desto stärker entfaltete sich ein sogenanntes ‚Niederdeutschtum’ als kollektive Schicht einer in Norddeutschland angesiedelten spezifisch niederdeutschen Kunst- und Kulturnorm [16].

Die niederdeutsche Literatur hatte sich bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit den Inhalten und Formen der kulturpolitisch agierenden Heimatkunstbewegung vermischt und erreichte beispielsweise mit den Werken von Paul Trede (1829-1908) und Johann Hinrich Fehrs (1838-1916) einen ersten Höhepunkt [17]. Nach 1890 waren die hochdeutsche Heimatliteratur ebenso wie die plattdeutsche Literatur von einer völkisch-ethnischen Perspektive dominiert. Spätestens von diesem Zeitpunkt an stand die antimoderne Subversion auch  plattdeutsch verfasster Texte im gesellschaftlich-politischen Zusammenhang mit einer organisierten bildungsbürgerlich-konservativen Sammelbewegung im Wilhelminismus. Diese wiederum war Teil der breit gefächerten völkischen Bewegung, die sich durch ein fanatisches Sendungsbewusstsein auszeichnete [18]. Die Distribution der Literatur durch eine strategisch vernetzte Szene hatte erkennbar systemischen Charakter, ihr ideologischer Bezugspunkt war, bei allen Interessengegensätzen, die ideale Verknüpfung einer sich rassengenetisch herleitenden Kultur mit machtpolitischen Ambitionen. In den publizistischen Organen wurde das eingängige Bild von der ‚Not’ des ‚Volkes‘ rituell beschworen. Auch der niederdeutschen Bewegung war als Gegen- und Suchbewegung die rassisch determinierte „Wiedergeburt des deutschen Volkstums“ [19] durch ein sogenanntes ‚Niederdeutschtum‘ zentrales Anliegen. Diese Chiffre zielte auf Gemeinschaftsbildung und Mobilisation und appellierte als rassische Typologie an die narzisstische Gratifikation einer Auserwähltheit.  Zu der quasireligiösen antisemitischen Fokussierung des Wortfeldes ‚Niederdeutsch‘ entscheidend beigetragen hat der Kulturrelativismus August Julius Langbehns, dessen ‚idealistischer‘ Rassismus ein wichtiges Element der völkischen Weltanschauung darstellte [20].

Noch vor dem ersten Weltkrieg war die kulturelle Versäulung des Plattdeutschen, seine mediale Praxis, zur wichtigsten organisatorischen Handlungsachse der niederdeutschen Bewegung geworden. Deren Wertesystem lebt, über einschneidende historische Brüche hinweg, in einer regionalen Kulturszene bis heute fort. Ein personelles Beziehungsgeflecht und organisatorisch-institutionelle Querverbindungen beeinflussen sowohl die medialen Schauplätze des Plattdeutschen als auch dessen gesellschaftlichen Status. Im Netzwerk dieses Systems hat sich bis in die Gegenwart hinein ein Literaturbetrieb erhalten. Wobei vor allem die ideologischen, sozialen und mentalen Achsen dieses Systems, bei allen Abweichungen und Widersprüchen, eine regelhafte ‚Grammatik des Handelns‘ bestimmen. Und dies gerade auch dort, wo eine zeitgenössische moderne Mundartdichtung, befreit von  stereotypen Beschränkungen, das Emotionsgewebe von Heimat, Herkunft und Identität zu zerreißen versucht.   

Hier hätte eine kulturwissenschaftlich orientierte Literaturgeschichtsbetrachtung anzusetzen, um die komplexen Transaktionen zwischen den Denk- und Verhaltensformen einer sozialen Gemeinschaft und ihren bevorzugten ästhetischen Objekten zusammenzufügen und die plattdeutsch erzählte Welt in ihrem übergeordneten politischen, sozialen und mentalitätsgeschichtlichen Zusammenhängen und Brüchen zu deuten. Doch es gibt für dieses literarische Feld, diesen Randbereich des deutschsprachigen Literaturbetriebs, weder eine Literaturkritik noch eine Geschichtsschreibung, die wissenschaftlichem Erkenntnisinteresse genügen würde. Es mangelt häufig schon an biographischen und werkgeschichtlichen Kenntnissen, selbst bei jenen Autoren, die bis in die Gegenwart hinein rezipiert werden. Deshalb werden in der niederdeutschen Literaturwissenschaft Hermeneutiken, die über eine orientierende Propädeutik hinausreichten, in aller Regel auch nicht angewandt.

Besonders schwer wiegt dieser Mangel an methodischem Zugewinn vor dem Hintergrund der Tatsache, dass es in der Literaturwissenschaft heute eine eindrucksvolle Pluralität hermeneutischer Verfahren gibt. Deren Innovationschübe haben durchaus neue Verstehenshorizonte eröffnet. Beim praktischen wissenschaftlichen Handeln am Gegenstand der niederdeutschen Literatur und im Umgang mit ihrer Geschichte kommen aber weder strukturanalytische noch dekonstruktive Konzepte produktiv ins Spiel. Von vereinzelten, relativ unsystematischen Ansätzen einmal abgesehen [21]. Dieses strukturelle Defizit in der literaturwissenschaftlichen Beschäftigung mit plattdeutschen Texten besteht nicht zuletzt deswegen, weil ihre Sprachform zumeist unter einer kulturbiologisch-genetischen Perspektive betrachtet wird. Pointiert gesagt: Unabhängig davon, ob die Texte mündlich-anspruchslos verfasst sind oder sich literarisch-schriftsprachlich präsentieren, besonders in seinen ‚kulturdialektalen’ medialen Praxis scheint das Plattdeutsche die ästhetische Restitution einer von alters her ‚angestammten‘ Sprache, deren Sprecher durch die Ausbildung der hochdeutschen Standardsprache kulturell ‚stigmatisiert’ worden sind. Was aber heißt ‚angestammt’ vor dem Hintergrund von geschichtlicher und kultureller Dynamik? In der Semantik des ‚Angestammten’ verwandelt sich die Historie ebenso in Natur wie beim Begriff der Identität. Denn es handelt sich dabei um konnotative Stereotypen, um gleichermaßen unter- wie überbestimmte Begriffe, die dem Bedürfnis, was sie schaffen, vorausgehen. Die abstrakte Emphase konnotativer Stereotypen zielt auf Konsensstiftung. Deswegen scheint es bei der wissenschaftlichen Betrachtung niederdeutscher Literatur wichtiger, interpretierende Sinnsetzungen im Einvernehmen mit dem kollektiven Wir-Wahrnehmungscode einer Kulturszene herzustellen, als beispielweise systemtheoretische Fragen zur kulturdialektalen Institutionalisierung des Plattdeutschen im Verlauf der letzten hundert Jahre aufzuwerfen. Dass die plattdeutsche Literatur sowohl in ihrer ästhetischen Verfasstheit als auch in ihren außerästhetischen Zeichenbeständen ohne die modernen Verstehens-Konzepte beispielsweise sozialgeschichtlich, kulturwissenschaftlich oder gar psychoanalytisch modifizierter Hermeneutiken, ohne ein Ensemble übergreifender Theorien also, in einer bestimmten Alltagswelt vorbewusst ‚verstanden‘ wird, diese Phänomen verdankt sich zu einem wesentlichen Teil der symbolischen Funktion, die diese Texte innerhalb eines sozialen Systems bei der „Mythisierung des Alltäglichen“ auch heute noch haben [22]. Denn mit den symbolischen Markierungen einer Identitätsrhetorik geht die Ethnisierung des Eigenen im Namen einer lokalen Lebenswelt Hand in Hand.

 

Exkurs: Renaissance der Dialekte

 Ein Blick über die Grenze des niederdeutschen Sprachbezirks hinaus auf andere sprachliche Varietäten des Deutschen zeigt, dass Entwicklungen im Bereich der plattdeutschen Regiolekte [23] während der letzten drei Jahrzehnte weit weniger eine Sonderstellung einnehmen als allgemein angenommen. Der Befund des Verlustes wird von einer markanten Tendenz kontrastiert: Überall im deutschsprachigen Raum haben Dialekte an Prestige gewonnen. Dieser Prestigegewinn setzte in bestimmten ökologisch orientierten Regionalismus-Soziotopen bereits Ende der 70er Jahre ein und hat sich dann im letzten Jahrzehnt, mit anderen politischen Prämissen und unter neuen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, deutlich verstärkt. Dieses Phänomen verdankt sich insbesondere der Tatsache, dass vor allem in den letzten zehn Jahren auch in Europa ein Fundamentalismus Platz gegriffen hat. In der Folge eines politisch akzentuierten Bewusstseins von Differenz hat sich der Metabezug von Kultur nicht nur diskursiv, sondern auch strukturell grundlegend verändert.

Im parallelen Prozess von Globalisierung und Regionalisierung hat das Konzept von kollektiver kultureller Identität einen machtvollen konjunkturellen Auftrieb bekommen. Was diesem hochabstrakten Begriff mit fortschreitender Metaphorisierung an Substanz verloren geht, wächst ihm an Konnotationen zu. Denn je weniger kulturelle Identität im Spannungsfeld von Europäisierung und ökonomisierter Welt wahrnehmbar ist, desto mehr wird sie in abtracto zur Norm erhoben. Die postnationale Massengesellschaft ist einerseits in den Sog einer globalen Grenzenlosigkeit geraten. Andererseits werden allenthalben subnationale Identifikationsebenen entdeckt oder neu erfunden. Dabei wird Identität ausschließlich durch Abgrenzung gewonnen und als homogene gedacht. Mit Beginn des 21. Jahrhunderts treten deswegen vermehrt ‚Identitätsprojekte‘ als Reanimationen kulturrelativistischer Denkfiguren des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf. Henning Eichberg, ein prominenter Vertreter der sogenannten ‚Neuen Rechten‘, macht beispielsweise geltend, dass der einzige Begriff, der Identität zu charakterisieren vermag, der des Volkes sei, genauer noch, der eines „Volkstums mit seinen Kriterien Sprache, Geschichte und gemeinsame Abstammung.“ [24] Und weiter: „Deutscher Nationalismus heißt: erkennen, dass wir selbst eine Minderheit sind, die ... mit der Entfremdung in den eigenen Gehirnen zu kämpfen hat ...“ [25]

Aus Dialekten und kleineren Sprachformen, die zumeist von autochthonen Bevölkerungsgruppen gesprochen werden, sind Kultsprachen einer gedeuteten Moderne geworden, wie der Kulturwissenschaftler Konrad Köstlin festgestellt hat [xxvi]. Denn mit diesen ‚Kleinsprachen‘ lassen sich Wir-Gefühle gegen den schnellen Wandel der Moderne mobilisieren. Angesichts einer wachsenden ethnischen Selbstwahrnehmung in der Gesellschaft versprechen Sprachformen, die Wir-Gefühle produzieren, kollektive sprachliche wie kulturelle Identitäten. Ein festes Inventar von alltagsästhetischen Chiffren schafft hier eine Abgrenzungslogik, die den Globalisierungstrend einerseits geschickt integriert, dabei aber gleichzeitig eine neue Differenzqualität von kultureller Authentizität bildet. Die neue Wertschätzung von regionaler Sprache und heimatlicher Kultur  ist eben auch eine Bewältigungsreaktion auf den Bedeutungsverlust der Nation. Die Revitalisierung des Regionalen sollte aber nicht im Sinne einer Umkehr in vornationale Verhältnisse interpretiert werden. Im Gegenteil: Regionalisierung und Globalisierung vollziehen sich zeitgleich.  

Die politische Anerkennung des kulturellen Wertes von sprachlichen Substandards im Rahmen der europäischen Sprachenschutzkonvention ist ein sichtbarer Ausdruck dafür, dass ein neues mentales Verlangen nach ethnisch-stammlicher Abgrenzung nicht nur gesellschaftlich breit akzeptiert wird, sondern inzwischen in etlichen europäischen Staaten das politische Handeln mitbestimmt. Abzuwarten bleibt indessen, ob beispielsweise die plattdeutschen Dialektvarietäten diese alles in allem herausfordernde Vitalitätsprüfung angesichts ihres mehr oder minder moribunden Status werden bestehen können.    


1) Manfred Engel, Kulturwissenschaft/en – Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft – kulturgeschichtliche Literaturwissenschaft, in: KulturPoetik (2001), H. 1, S. 21.

2) Jan Goossens, Zur Lage des Niederdeutschen und ihrer Erforschung, in: Michigan Germanic Studies 12 (1986), S. 2. Zu Begriff und Funktion des ‚niederdeutschen Sprachmythos‘ vgl. Klaas Heeroma, Niederländisch und Niederdeutsch, (Nachbarn, H. 2), S. 15-17.

3) Den Wechsel von einer diachronen zur synchronen Betrachtungsweise zeigen u. a. etliche literaturwissenschaftliche Beiträge des von Gerhard Cordes und Dieter Möhn herausgegebenen „Handbuchs zur niederdeutschen Sprach- und Literaturwissenschaft“ (Berlin 1983).

4) Vgl. hierzu  Jan Wirrer, Zum Status des Niederdeutschen, in: Zeitschrift für germanistische Linguistik 26 (1998), S. 308-340 sowie Hubertus Menke, Niederdeutsch: Eigenständige Sprache oder Varietät einer Sprache?, in: Eva Schmitsdorf  u. a. (Hg.), Lingua Germanica, Studien zur deutschen Philologie. Jochen Splett zum 60. Geburtstag, Münster 1998, S. 171-184.

5) Pierre Bourdieus soziologische Untersuchungen zeigen, dass sich Gruppengrenzen (Distinktionen) über kulturelle Praktiken etablieren. Ethnizität ist demnach als eine spezifische Form der kulturellen Symbolik und Grenzziehung zu verstehen. Ethnische Bewegungen zielen auf die Mobilisierung von Gemeinschaften und die Legitimierung von politischem Handeln. Vgl. hierzu auch Christoph Antweiler, Ethnozentrismus im interkulturellen Umgang. Theorien und Befunde im Überblick, in: Roland Eckert (Hg.), Wiederkehr des „Volksgeistes“? Opladen 1998, S. 19-81.

6) Vgl. hierzu Claus Schuppenhauer, Niederdeutsche Literatur – Versuch einer Definition, in: Niederdeutsches Wort 12 (1972), S. 16-34.

7) Vgl. Martin Schröder, Ist eine strukturelle Theorie der Dialektliteratur möglich?, in: Peter Wagener (Hg.), Sprachformen. Deutsch und Niederdeutsch in europäischen Bezügen. Fs. für Dieter Stellmacher, Stuttgart 1999, S. 281-288, hier S. 284 f.

8) In bezug auf die literarische Tradition dieser ‚Mündlichkeit‘ ist auf den Kulturwissenschaftler Michail Bachtin hinzuweisen, der bei seiner Suche nach einer Antwort auf das Scheitern der Aufklärung als das charakteristische Moment von ‚Volkskultur‘ eindrücklich herausstellt, sie sei ihrem Wesen nach ‚Lachkultur‘ und unterscheide sich damit grundsätzlich sowohl von ‚repräsentativer‘ Kultur als auch vom aufklärerischen Denken – einem Denken mit der Vernunft als leitender Eigenschaft von Emanzipation. Zur Dominanz des Komischen in der niederdeutschen Literatur und zum Humor-Diskurs im niederdeutschen Wissenschafts- und Kultursystem s. Martin Schröder, Humor und Dialekt. Untersuchungen zur Genese sprachlicher Konnotationen am Beispiel der niederdeutschen Folklore und Literatur, Neumünster 1995.  Dass sich die volksliterarisch geprägte ‚Lachkultur‘ in der Moderne als besonders geeignetes Einfallstor einer ‚Industrialisierung des Bewusstseins‘ anbietet, haben Horkheimer und Adorno in ihrer ‚Dialektik der Aufklärung‘  schlüssig nachgewiesen. Zum Zusammenhang von Volkskultur, bürgerlicher Ideologie und den Trivialmustern von Popularkultur im niederdeutschen Mundarttheater s. Ulf-Thomas Lesle, Das niederdeutsche Theater. Von ‚völkischer Not‘ zum Literaturtrost. Hamburg 1986, insbesondere S. 174-189.

9) Jan Goossens, wie Anm. 2, S. 1-2.

10) Siehe Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. 2. Aufl. Frankfurt am Main 1988, S. 277-286.

11)Uwe-Karsten Ketelsen, Literatur und Drittes Reich, Schernfeld 1992, S. 126.

12) Zu Grundfragen der Historisierung und Wertung der drei ‚Klassiker’ vgl. die konzise Darstellung von Gerhard Schmidt-Henkel, Niederdeutsche Mundartdichtung, in: Horst Albert Glaser (Hg.), Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte, Bd. 7: Vom Nachmärz zur Gründerzeit: Realismus. Reinbek 1982, S. 216-231.

13) Zur mundartlichen Überlieferungstradition s. Michael Töteberg, Sprichwort, Rätsel, Sage und Märchen, sowie Ulf-Thomas Lesle, Schwank, in: Dieter Möhn/Gerhard Cordes (Hg.), Handbuch zur niederdeutschen Sprach- und Literaturwissenschaft, Berlin 1983, S. 487-507 bzw. 508-535. 

14) Zur Traditionsbildung niederdeutscher Literatur vgl. insbesondere Kurt Batt, Fritz Reuter und die Folgen, in: Niederdeutsch heute. Materialien einer Arbeitstagung des Freundeskreises Niederdeutsche Sprache und Literatur im Kulturbund der DDR am 16./17. November 1974, S. 20-36.

15) Vgl. hierzu Alberto Martino, Publikumsschichten und Leihbibliotheken, in: Horst Albert Glaser (Hg.), wie Anm. 3, S. 59-69.

16) Vgl. hierzu: Arn Strohmeyer/Kai Artinger/Ferdinand Krogmann, Landschaft, Licht und niederdeutscher Mythos. Die Worpsweder Kunst und der Nationalsozialismus. Weimar 2000.

17) Zur völkischen Literaturproduktion und Heimatkunstbewegung vgl. Kay Dohnke, Völkische Literatur und Heimatliteratur 1870-1918, in: Uwe Puschner/Walter Schmitz/Justus H. Ulbricht (Hg.), Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871-1918. München 1996, S. 651-684.

18) Vgl. Uwe Puschner, Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich. Sprache, Rasse, Religion. Darmstadt 2001. 

19) Ernst Hunkel, Deutsch-völkische Arbeit, in: Heimdall 9, 1904, S. 122.

20) Zum Kulturrelativismus bei Langbehn s. Ulf-Thomas Lesle, Bestseller des Bürgertums und Kursbuch der Plattdeutschen: Rembrandt als Erzieher von August Julius Langbehn, in: Kieler Blätter zur Volkskunde 32 (2000), S. 51-83.

21)Hier sind aus jüngerer Zeit vor allem die Arbeiten von Kay Dohnke und Martin Schröder zu nennen sowie die von Wolfgang Rohde herausgegebenen diskursanalytischen Untersuchungen zur Zeitschrift „Quickborn“ im „Dritten Reich“ [ Wolfgang Rohde ( Hg.), Der Quickborn im „Dritten Reich“. Über das Verhältnis des Niederdeutschen zum Hochdeutschen und Niederländischen. Oldenburg 1998].

22) Hermann Bausinger, Provinz im Aufwind? Wer oder was bewegt die neue Dialektpoesie?, in: Matthias Spranger (Hg.), Dialekt – Wiederentdeckung des Selbstverständlichen? Eine alemannisch-schwäbische Bestandsaufnahme, Freiburg 1977, S. 12-26, hier S. 18.

23) Als Regiolekte werden Sprachformen bezeichnet, die ihre primären Dialektmerkmale bereits verloren haben.

24) Henning Eichberg, Abkoppelung. Nachdenken über die deutsche Frage, Koblenz 1987, S. 99.

25) Eichberg, wie Anm. 22, S. 144.

26) Vgl. hierzu Konrad Köstlin, Regionalismus – die gedeutete Moderne, in: Niederdeutsches Jb. 119, 1996, S. 121.