... und Plattdeutsch morgen?
Derzeit gibt es nach Schätzung von Linguisten mindestens 6.000 Sprachen. Viele dieser Sprachen sind akut gefährdet: mit den Chancen und Risiken der Globalisierung geht zunehmend das Verschwinden kleinerer Sprachen einher. Im 21. Jahrhundert, so prognostizieren Sprachwissenschaftler, wird etwa ein Drittel dieser Sprachen verklingen, deepdenkern Pessimisten gehen von 90 Prozent aus.
Die Vereinten Nationen wie die Europäische Union widmen dem Schutz bedrohter Sprachen verstärkte Aufmerksamkeit. Das bedeutet einen prozessualen Wandel in der Wahrnehmung von Sprache und Kultur. Die UN-Generalversammlung hat das Jahr 2008 zum „Internationalen Jahr der Sprachen“ erklärt, auch war es das „Europäische Jahr des interkulturellen Dialoges“ der EU und hatte zum Ziel, Europas sprachliche und kulturelle Vielfalt zu würdigen. Dies bedeutet einen prozessualen Wandel in der Wahrnehmung von Sprache und Kultur.
Zusammenfassend wird den kleinen Sprachen im Zeitalter der Globalisierung eine zunehmende Bedeutung beigemessen. Regionale und lokale sprachliche Varietäten werden als identitätsstiftende Bezugsrahmen entdeckt und als erstrebenswerte Güter ausgewiesen.
Plattdeutsch hat auf dem Markt der Sprachen in den letzten Jahren einen attraktiven Stellenwert bekommen. Weltweit ist es systemisch verwandt mit all den anderen kleinen Sprachen, die über eine hohe Loyalität ihrer Sprecher verfügen. Nicht ein partielles Bedürfnis nach Unterkomplexität macht diese Sprache auf dem Markt der Sprachen konkurrenzfähig, sondern der Eigenwert an sich, die Lust an gerade dieser Sprache. Auch wenn ego sie nur mehr oder weniger gut beherrscht. Zukünftig wird Platt vermutlich regelhaft Zweit- oder Drittsprache werden oder eine zweite oder dritte Sprache des Alltags. Vermutlich wird in dieser Zweit- oder Drittsprache Nähe und Distanz anders vermittelt werden als im Hochdeutschen, vermutlich werden sich diese Nähen und Distanzen auch weiterhin verändern. Vielleicht ist es eine Sprache, die von den Sprachnutzern dazu gebraucht wird, einfach etwas Abstand zu schaffen.
Platt ist, trotz vieler kulturbetrieblicher Ausbaubereiche, derzeit immer noch eher eine Sprache des Nahbereichs. Sie wird, das zeigen die Daten, durchaus unterschiedlich genutzt, von der Alltagsverwendung hin zu eher emblematischen Verwendungsweisen, um doch irgendwie dazuzugehören. Ob das entlang einer heutigen Sprecherbiographie reicht, die Sprache an die folgenden Generationen weiterzugeben, wird sich weisen.Diese sprachliche Weitergabe ist unter dem Aspekt des Funktionswandels der Familie neuen Bedingungen unterworfen. Zudem stellt der soziale und demographische Wandel in der Bundesrepublik das Niederdeutsche in deutlich andere Konkurrenzsituationen auf dem Markt der Sprachen. Es besteht in der Republik vor dem Hintergrund der zukünftigen Bevölkerungsentwicklung einiger Handlungsbedarf, der sicherlich nicht allein mit dem Konzept früher Mehrsprachigkeit gelöst werden kann.