PLATTDEUTSCH HEUTE

Der Wechsel von der Einsprachigkeit zur Zweisprachigkeit des deutschen Nordens hat sich in drei Stufen vollzogen:
dem radikalen Schreibsprachenwechsel im 16.-17. Jahrhundert

  • folgte ein weitgehender Wechsel auch der gesprochenen Sprache vor allem im 19. und 20. Jahrhundert,
  • doch ging mit dem auch ein neuerlicher Aufstieg des Niederdeutschen zur Kultursprache einher.

Bis heute hat man in dieser Geschichte allerdings immer nur den Sprachverlust gesehen, der sich im Übergang vom Niederdeutschen zum Hochdeutschen zeigt, nicht aber den Sprachgewinn, der in der Herausbildung des Niederdeutschen zu einer Zweitsprache neben dem Hochdeutschen liegt. Solange die alleinige Meinung sagte, in Deutschland zähle allein eine Sprache, nämlich die hochdeutsche Standardsprache, und die Bürger brauchten auch nur diese eine Sprache, war die Entwicklung vorgezeichnet: Die Menschen nahmen nach und nach das Hochdeutsche an, erst die oberen Schichten, im Laufe der Zeit dann die 'kleinen Leute'. Für das heimische Niederdeutsch, das als minderwertig galt, blieb so am Ende eigentlich nur der Gebrauch in Familie, Nachbarschaft und Freundeskreis übrig. Seit man am Ende des 18. Jahrhunderts das 'Volk' mit seiner Sprache und Kultur neu zu entdecken begann, wandelte sich jedoch die Einstellung zum Niederdeutschen. Mit den Gedichten in Klaus Groths 'Quickborn' und den großen Romanen Fritz Reuters erreichte die niederdeutsche Literatur in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Bedeutung, wie man sie vorher längst nicht mehr für möglich gehalten hatte. Von da an wurde das Niederdeutsche wieder zu einer anspruchsvollen Kultursprache; und heute wird es in allen Medien selbstverständlich neben dem Hochdeutschen gebraucht. Das heißt: Das Niederdeutsche ist langsam wieder zu einer Regionalsprache des deutschen Nordens aufgestiegen. 

-WANN wird niederdeutsch gesprochen?

Zu jeder sich bietenden Gelegenheit - wenn es denn angebracht erscheint.
Denn die Zweisprachigkeit in Norddeutschland ist funktional gesteuert, das heißt: Jeder Mensch muss für sich entscheiden, ob er es passend findet, in einer bestimmten Situation plattdeutsch zu reden oder nicht.
Er muß auch wissen, ob er es überhaupt will. Denn die frühere Beschränkung: Plattdeutsch ist minderwertig, also unschicklich - sie gilt so nicht mehr.
Zwar wird das Plattdeutsche meistens als Sprache nur für den privaten Nahbereich angesehen. Aber es besteht ebenso auch ein buntes Nebeneinander von Vereinen, Verbänden, Bühnen, kirchlichen und sonstigen Gruppen, in denen das Niederdeutsch ernsthaft gepflegt wird.
Ohne diesen 'Nebenkulturbetrieb' wäre der Prozess sprachlich-kulturellen Wiederaufstiegs zu einer Zweitssprache nicht möglich gewesen. Das Ziel muss sein, die Arbeit der Vereine im Sinne eines Netzwerkes für Niederdeutsch auszubauen und so die gesamte Gesellschaft davon zu überzeugen, dass das Niederdeutsche einen sprachkulturellen Mehrwert für den Norden Deutschlands darstellt.

- WER spricht niederdeutsch?

In den Jahren 1984 und 2007 wurden repräsentative Untersuchungen zum Stand des Niederdeutschen in Norddeutschland durchgeführt. 1984 zeigte sich die Sprache durchaus noch lebendig, damals, in einer Befragung in der alten Republik, vor der Wende, vor dem Internet, vor der Sprachencharta und vor noch viel mehr. Auch in 2007, nunmehr Regionalsprache, zeigte sie sich noch vital. Allein wissen wir nun, in welchem Maße die Anzahl der kompetenten Sprachnutzer zurückgegangen ist und was die Hilfe und Förderung von Bund und Ländern bewirkt hat. Es besteht noch einiger Handlungsbedarf.  Denn: 97 Prozent, meist jeder hier in Norddeutschland, kennt Platt, die Markenreichweite ist so hoch wie für die Colamarke, den Papst, Persil oder die Bundeskanzlerin. Die Damen und Herren vom Marketing wären zufrieden. Aber auf der anderen Seite ist die Zahl derjenigen, die zumindest gut Niederdeutsch sprechen können, um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Das sind aktuell 2,6 Millionen Menschen, rund 14 Prozent, die "gut" oder "sehr gut" Niederdeutsch sprechen können. Verstehen kann heutzutage noch jeder Zweite Platt. Augenscheinlich verspricht einige Kompetenz kulturellen Mehrwert, gerne will man dazugehören, aber die Zahl der kompetenten Sprachnutzer nimmt ab.   

Die „Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen gilt in der Republik seit nunmehr 11 Jahren. In diesen 11 Jahren gab es drei Staatenberichte, drei Berichte der Expertenkommission, von 2002 an einen „Bundesrat für Niederdeutsch“, von 2006 an einen „Beratenden Ausschuss für Niederdeutsch“ beim Bundesinnenministerium. Das INS hat dies alles tätig begleitet und unbeschadet überstanden. Der Vierte Staatenbericht ist in Arbeit, nach 11 Jahren ist es an der Zeit, ein Fazit zu ziehen. Für den Vierten Staatenbericht, so der Expertenausschuss, braucht es Ausführungsbestimmungen für die Sprachencharta, denn: „Trotz einiger positiver Entwicklungen hat sich die Lage im Hinblick auf die Regional- oder Minderheitensprachen seit dem ersten und zweiten Überprüfungszeitraum allerdings nicht wesentlich verändert.“

Wie ist es um die Umsetzung der Charta bestellt? Die Tendenz ist deprimierend. Hamburg hat über 3 Staatenberichte 30mal, Bremen 29mal ein „nicht erfüllt“ bekommen. Der Sachverständigenausschuss ist der Meinung, das müsse sich ändern, im Dritten Staatenbericht steht zu lesen: [...] dass [...] bestimmte Landesregierungen sich nicht an die rechtlichen Verpflichtungen nach der Charta gebunden zu fühlen scheinen.“ Der 4. Bericht ist in Arbeit.

- WO wird niederdeutsch gesprochen?

In erster Linie natürlich in Norddeutschland - daneben aber auch in Sprachinseln in Polen, der Slowakei, in Dänemark, mehreren Staaten der einstigen Sowjetunion, in Nord- und Südamerika, Australien und Südafrika.
Nach 1945 sind durch die Kriegsfolgen die niederpreußischen und hinterpommerschen Mundarten praktisch verschwunden. Außerdem sind im Zusammenhang mit der zunehmenden Mobilität der Bevölkerung und dem Einfluß der Massenmedien die Eigenarten lokaler und regionaler Varianten des Plattdeutschen überhaupt zurückgegangen.
Die mundartliche Gliederung des heutigen Niederdeutschen beruht auf sogenannten Schibboleths, das sind auffällige Erscheinungen in der jeweiligen Lautung bzw. in der Formenlehre. Zum Westniederdeutschen gehören die kleine Dialektlandschaft des Niederfränkischen und das Westfälische, das benachbarte Ostfälische mit seinen mik/dik-Formen sowie das Nordniedersächsische, das nördlich des West- und Ostfälischen angesiedelt ist. Es weist in seiner Binnengliederung zumindest sechs regionale Varianten auf: das Holsteinische, das Dithmarscher Platt, das Schleswigsche, das Nordhannoversche, das Oldenburgische und das Ostfriesische. Das Ostniederdeutsche umfaßt drei größere Areale, nämlich das Mecklenburg-Vorpommersche (mit der Verniedlichungsendung -ing, z. B. in Mudding), das Mittelpommersche und das Märkisch-Brandenburgische. 
Somit ist das Plattdeutsche, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaße, eine in acht Bundesländern gebräuchliche Sprache.

- WAS gibt es auf Platt zu lesen, zu hören und zu sehen?

Oder, für die Moderne anders gefragt: Wie ist das Plattdeutsche in den Medien überliefert? Es geht also nicht nur um Bücher und Zeitschriften, sondern auch um Funk und Fernsehen, um Tonträger und das weltumspannende Internet der globalisierten Welt. Bücher in Plattdeutsch werden von wenigen größeren und vielen kleinen Verlagen produziert. Dabei veröffentlicht lediglich ein gutes Drittel der Autoren in Buchverlagen. Zeitschriften bieten für unterschiedliche Leserinteressen Informationen über das Plattdeutsche, etwa für die Wissenschaftler seit 1876 das Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung, für das breitere Publikum der Quickborn: Zeitschrift für plattdeutsche Sprache und Dichtung (seit 1906), ein überregional ausgerichtetes und in großen Teilen auch in Plattdeutsch gehaltenes Blatt, oder De Kennung: Zeitschrift für plattdeutsche Gemeindearbeit. Jahrbücher verschiedener Dichtergesellschaften sind regelmäßig im Buchhandel. Die Literaturzeitung Diesel: dat oostfreeske Bladdje ist eine Neuerscheinung der letzten Jahre. Viele regionale Heimatzeitschriften berücksichtigen zudem das Niederdeutsche. Und nicht zu vergessen sind die vielen kleinen Blätter, zum überwiegenden Teil von lokalen Heimatvereinen herausgegeben. Plattdeutsche Kalender gibt es zu jedem neuen Jahr, etwa den Plattdüütsch Klenner, den Eutiner Klenner oder den Voß-un Haas-Kalender in Mecklenburg-Vorpommern. In den Tageszeitungen sind plattdeutsche Kolumnen vorherrschend, ob Käpt'n Cordts erzählt oder Rieke vertellt, aufgegriffen wird dabei Alltägliches in mehr oder weniger belehrend-heiterer Form.Weiterhin sind in der Zeitung Veranstaltungshinweise und Theaterrezensionen zu finden, zumeist in Hochdeutsch gehalten. Selten sind plattdeutsche Familienanzeigen, nur im Oldenburgischen haben sie eine lange Tradition.Zusammenfassend: In den Printmedien ist das Plattdeutsche allenthalben vertreten, zum Teil allerdings in der Form hochdeutscher Berichte über Plattdeutsches.

Weiter zu Funk und Fernsehen. Das erste plattdeutsche Hörspiel wurde bereits im März 1930 vom norddeutschen Rundfunk ausgestrahlt, ein "Dauerbrenner" der öffentlich-rechtlichen Anstalten ist seit 1956 Hör mal'n beten to. Derzeit läuft die plattdeutsche Morgenplauderei innerhalb der Vormittagssendungen von drei Landesprogrammen des NDR (auf NDR 90,3; NDR 1 Niedersachsen; NDR 1 Welle Nord; nicht allerdings auf NDR 1 Radio MV) montags bis sonnabends. Seit 1984 wird dies ca. 21/2 Minuten-Format von der NDR Zentralredaktion Niederdeutsch im NDR Landesfunkhaus Schleswig-Holstein verantwortet und zumeist auch produziert.

Neben den Spartensendungen mit Musik, Information und Unterhaltung und dem Niederdeutschen Hörspiel gibt es seit der Mitte des Jahres 1977 die plattdeutschen Weltnachrichten von Radio Bremen, zunächst zweimal die Woche, dienstags und freitags, seit 1997 montags bis freitags um 10:30, aktuell auf Radio Bremen eins. Der NDR 90,3 sendet montags bis sonnabends seine Regionalnachrichten um 08:30 Uhr in Platt. Auch die privaten Rundfunkanstalten bieten verschiedene plattdeutsche Sendungen an.Plattdeutsche Musik ist heute in so gut wie jeder Stilrichtung zu hören. Ob Shanty, Schlager, Folklore, Lyrik und Prosa oder Hardrock, alles gibt es auf CD, Kassetten und Schallplatten. Einzigartig war bei den Jugendlichen (und Erwachsenen?) der Erfolg des Rapper-Trios Fettes Brot. Der HipHop Nordisch by nature mit ausgeprägten Niederdeutsch-Elementen und Weltbildern erreichte gute Plätze in den deutschen Single-Charts: Da heißt es dann:


Mann in de Tünn, gah mi ut de Sünn,
ick bün wat ick bün, kumm mi nich anne Plünn.
Doch kam fix mal rum, um di de Norden antokieken.
Bi uns dor is jümmer wat los achter de Dieken.
Set Di eerstmal dal, nimm´n Kööm un´n Aal
un smeckt Di dat nich, is mi dat ok schietegal.

2010 sind es De fofftig Penns, die in ihrer Selbstdarstellung sich als erste, einzige und dementsprechend auch beste plattdeutsche Elektro-Hip-Hop-Band der Welt verstehen. Rund um die Aktion Platt is cool wird Plattdeutsch in Niedersachsen – nicht nur als gesprochenes Wort, sondern auch als Hip-Hop angeboten. DE FOFFTIG PENNS tourten durch Niedersachsens Schulen: "Zwei Fragen vorweg: Sind wir noch cool? Ist Plattdeutsch wieder cool? Entscheidet selbst! Selbst würden wir natürlich sagen: Zweimal jo! Wir sind fünf Tage lang zwischen sechs und sieben Uhr (morgens!) aufgestanden, haben uns in die Schulen Niedersachsens aufgemacht und insgesamt sieben Konzerte gespielt (das früheste um 9 Uhr!). Wir standen vor auf ihren Stühlen sitzenden Kindern, die wir in einer Dreiviertelstunde erst zum teilweise rhythmischen Mitklatschen, dann zum Mitsingen und schließlich zum ausgelassenen Tanzen gebracht haben.“

Im Fernsehen allerdings wird das Plattdeutsche immer mehr zur Randerscheinung. Talk op Platt, seit 1982 als Nachfolger des Klönschnacks im Programm, gibt es seit 2006 nicht mehr. Als Ersatz ist De Welt Op Platt ins Programm des NDR aufgenommen worden.

Eine erste plattdeutsche Adresse im Internet gibt es in Bremen seit Februar 1996. Das Institut für niederdeutsche Sprache meldet sich mit einem zweisprachigen Informationsangebot im Internet und ist damit für die Millionen Nutzer des world-wid-web zugänglich. "Nu köönt Se ook mal dat Institut besöken" lautet die Einladung an Neugierige und Interessierte. Angeboten werden da etwa Informationen zum Plattdeutschen allgemein und zur plattdeutschen Literaturgeschichte; so kann der User sich "eenmal verdwars dör uns' Literatuur vun 800 bit nu" arbeiten. Radio Bremen bietet mittlerweile einen Sprachkurs im Internet an, dazu plattdeutsche Hörspiele der letzten vier Jahre, die sich jeder für private Zwecke kopieren kann.
Für die größere Öffentlichkeit ist das Theater der wohl wichtigste Multiplikator des Niederdeutschen.
Auch wenn sie ungezählt bleiben, es dürften in Norddeutschland insgesamt 8000-9000 Gruppen sein, die plattdeutsche Theaterstücke aufführen. Das reicht von der Gruppe der Landjugend über die gelegentlichen Aufführungen der Speeldeelen und Vereinsbühnen zwischen Waterkant und Münsterland bis zu den Bühnen, die den Landesverbänden des Bundes deutscher Amateurtheater angehören. Insgesamt rund 40 Bühnen sind darüber hinaus den drei Bühnenbünden Niedersachsen und Bremen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern angeschlossen.
Drei Berufsbühnen hat die niederdeutsche Theaterlandschaft zu verzeichnen: das Ohnsorg-Theater in Hamburg, das Waldau-Theater in Bremen und die Fritz-Reuter-Bühne in Schwerin. All die niederdeutschen Bühnen zusammen erreichen pro Jahr ein Publikum von etlichen 100.000 Besuchern.