Niederdeutsches Theater

Theater in niederdeutscher Sprache ist ein wesentlicher Faktor dieser Sprachlandschaft. Neben den Berufsbühnen, dem 1902 gegründeten Ohnsorg-Theater in Hamburg und der Fritz-Reuter-Bühne in Schwerin, gegründet 1926, sind 38 Amateur-Theater-Ensembles derzeit in den drei niederdeutschen Bühnenbünden Schleswig-Holstein, Niedersachsen/ Bre­­men und Mecklenburg/Vorpommern organisiert. Darüber hinaus gibt es in Norddeutschland aufgrund der Distribution der Theatermanuskripte geschätzte 4.240 Spielgruppen,  die mehr oder minder regelmäßig Theater auf Platt spielen, z. T. gehören diese Gruppen den Landesverbänden der Amateurtheater im Bund Deutscher Amateurtheater an. Hinzu kommt eine nicht bezifferbare Anzahl Bühnen, die ohne den offiziellen Bezug von Theatermanuskripten agieren.

Das als Dramatische Gesellschaft gegründete Ohnsorg-Theater, das bis 1916 vornehmlich hochdeutsch spielte, firmierte nach der Aufnahme niederdeutscher Stücke seit 1920 als Niederdeutsche Bühne Hamburg e.V., seit 1987 ist es eine GmbH. Es beschäftigt ca. 80 Mitarbeiter und etwa 20 festangestellte Schauspieler. Rund ein Drittel des Haushaltes wird von der Freien und Hansestadt Hamburg getragen. Trotz Wirtschaftskrise hat die Bühne 2010 eine Auslastung von rund 82 Prozent und eine Abonnentenzahl von 9500, 2009 waren rund 150.000 Besucher vor Ort. Das zweite Berufs­theater, die Schweriner Fritz-Reuter-Bühne, ist am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin angesiedelt. Bereits vor 1926 kam es dort zu spontanen Aufführungen in niederdeutscher Sprache, der Erfolg führte zur Gründung der Niederdeutsche[n] Bühne am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin. Daten zu Inszenierungen, Aufführungen und Besuchern der den Bühnenbünden angeschlossenen Theatern liefern zunächst die zusammengeführten Statistiken der Bühnenbünde. Ab 2000 ergibt sich folgendes Bild:

Theaterbetrieb 2000 bis 2009

Jahr Inszenierungen Aufführungen Besucher Durchschnitt
2000 130 1914 337383 176
2001 129 1887 329989 175
2002 145 1819 322101 164
2003 138 1752 295326 161
2004 134 1670 278603 159
2005 138 1828 272637 142
2006 139 1865 294063 147
2007 136 1877 292046 142
2008 139 1909 310810 146
2009 130 1938 290429 139

Von der Tendenz her ist die Zahl der Besucher auf relativ geringem Niveau kontinuierlich rückläufig. Durchschnittlich wurden in diesen Jahren im Mittelwert 155 Besucher pro Vorstellung gezählt (1994 bis 2001: 193 Besucher), ein Wert, der seit 2004 nicht mehr erreicht worden ist. Die Anzahl der Inszenierungen schwankt konstant um einen Mittelwert von 135, die Häufung von Inszenierungen im Jahre 2002 ist augenfällig. Durchschnittlich kam es zu 1.846 Aufführungen im Jahr, das Maximum war 2009 zu verzeichnen (allerdings korrespondierend [?] die geringste durchschnittliche Besucherzahl im dargestellten Zeitraum. Zu diesen Zahlen sind die entsprechenden Werte für die nicht in den Bühnenbünden organisierten Theater zu addieren, so dass aufgrund dieser Zahlen vermutlich etwa eine dreiviertel Millionen Menschen jährlich niederdeutsches Theater besuchen.

Wesentliches Strukturmerkmal des niederdeutschen Theaterspiels ist bislang die Orientierung der Stückeauswahl. Aufführungen auf Platt entsprechen in der Regel den Erwartungen eines überwiegend älteren Publikums (das, wohl beispielhaft, im Ohnsorg-Theater überrepräsentiert ist), die Vorurteilsstrukturen sind relativ verfestigt: humorvoll und lustig sollte es zugehen. Dies hat entwicklungsgeschichtliche Gründe, seit Anfang des 20. Jahrhunderts ist das Niederdeutsch-Theater allererst Schwank- und Lustspieltheater mit volks­pädagogischer Ausrichtung gewesen. Zudem sind beim „Speel op Platt“ überwiegend Ama­teure auf der Bühne, denen zunächst der Spaß und nicht der Anspruch wesentlich ist. Ein Aufbrechen dieser Strukturen in Richtung anspruchsvolles, modernes Theater im Nebeneinander mit dem Herkömmlichen wird stetig und behutsam von engagierten Bühnen vorangetrieben. Dies ist nicht zuletzt der zunehmenden Professionalisierung durch das Schulungsangebot etwa der Bühnenbünde zu danken. Auf diese Weise fließen so auch verstärkt dramaturgische Überlegungen in die Spielplangestaltung ein. In diesem Sinne beispielhaft ist auch das seit 1991 vom Landschaftsverband Stade durchgeführte Seminar „Theater auf dem Flett“ für Laienbühnen zwischen Elbe und Weser. Nach der jeweils dreimonatigen Probenzeit unter professioneller Anleitung zur Verbesserung der Leistungen aller Beteiligten schließt sich eine Gastspielreise an. Das Machbare im Sinne von „anything goes“ im Angebot der Theatermacher ist aber nicht der Garant für die Kontinuität dieses größten niederdeutschen Multiplikators.

Demographisch gesehen ist die Überalterung der Zuschauer nicht notwendigerweise signifikant für das niederdeutsche Theater, die älteren Junggebliebenen werden mehr und sind eine interessante Kundschaft, die bedient werden will. Neue Stoffe und Themen bedürfen der Annahme durch das Publikum, doch sind die Ansprüche und das Selbstverständnis einer wenig professionalisierten Bühne deutlich verschieden von denen einer höher professionalisierten Bühne. Gleiches gilt für den Besucher: Im Bereich ländlicher face-to-face-Kommunikation wirken andere Strukturen als im höher anonymisierten und eher elaborierten Theater der Städte, was Auswirkungen auf die Spielbarkeit nach sich zieht. Das „Andere“ ist durchaus von Interesse, birgt aber Erwartungsunsicherheiten. So ist etwa das Interesse an aufwendigen Freilichtaufführungen in den letzten Jahren gestiegen und verspricht bislang ökonomischen Erfolg. Diese Theater-Ereignisse mit überregionaler Ausstrahlung haben auch als Bestandteil von Tourismusförderung großen Ausstrahlungswert in der Region. Im weiteren Zusammenhang sind hier auch die Reuter-Festspiele anzuführen. Sie finden in der Reuterstadt Stavenhagen seit 1995 jährlich unter einem wechselnden Thema statt. Diese Veranstaltung ist ein Auftrittsforum für niederdeutsche Vereine, Autoren, Freunde des Niederdeutschen und Chöre. Die Autorenförderung bedarf besonderer Aufmerksamkeit, der Mangel an modernen niederdeutschen Theaterstücken ist augenfällig in einer Verlegerlandschaft, die wesentlich von zwei großen Theaterverlagen bedient wird. So sind denn auch rund 30 Prozent der Theaterstücke der Jahre 1990 bis 2000 dieser Verlage Übersetzungen.