Das Niederdeutsche hat in norddeutschen Landen noch die Zuschreibung des Selbstverständlichen, es gilt als ein Kennzeichen lebendiger Alltagskultur. Sehr viele Bewohner der norddeutschen Bundesländer verstehen die niederdeutsche Sprache, viele können sie sprechen, allein fehlt es, jedenfalls in der Regel, an grundlegendem Wissen zur derzeitigen gesellschaftlichen Wirklichkeit dieser Sprache. Was die Kultur, die Geschichte und die Bedeutung dieser Sprache betrifft, herrscht bei den meisten Sprachnutzern außerhalb der Expertenebene zumeist Desinteresse. Zusammengefasst ergibt sich also die merkwürdige Konstruktion, dass in der Region einer durchaus vertrauten Erscheinung, der niederdeutschen Sprache, mit einiger Selbstverständlichkeit begegnet wird, aber in der Regel herzlich wenig darüber gewusst wird.
Sprache ist als Hervorbringung von Menschen in der Interaktion, also in allen nur denkbaren sozialen Bezügen, etwas Gewordenes, für das es eine Geschichte gibt, auch eine des verbreiteten Nicht-Wissens und des partiellen Nicht-Könnens und der damit zusammenhängenden Kultur der Laien und der wissenden Experten. Nicht zwingend haben diese miteinander zu tun. Gewordenes ist dieses, weil das Niederdeutsche in den Gesellschaften der vergangenen Jahrhunderte einen Stellenwert innehatte, der früher größer und später geringer war. Wie alles, was Menschen miteinander machen, war auch der Wert oder Unwert dieser Sprache dem Wandel unterworfen, dem Wohl und Wehe, wie Menschen miteinander umgehen und wie die Zeitläufte gerade sind. Die Entwicklung zu einer tendenziellen Zweisprachigkeit des niederdeutschen Kulturraumes ist das Ergebnis eines Sprachverlagerungsprozesses vom Niederdeutschen zum Hochdeutschen. Das ehedem dominierende Niederdeutsche verliert im Laufe seiner Geschichte verschiedene Funktions- und Ausbaubereiche gegenüber dem Hochdeutschen, dem Schriftsprachenwechsel der sozialen Eliten folgt der Sprechsprachenwechsel, im weiteren ‘Prozess der Zivilisation’ wird dieses Phänomen nach unten durchgereicht bzw. sich dort mühsam angeeignet. Dieses führt zu einer bis in dieses Jahrtausend andauernden Bilingualität der Sprachgemeinschaft unter der Dominanz des Hochdeutschen.
Eine solche Veränderung der Sprachlagenkonfiguration lässt sich auf den Wandel kollektiver und individueller Bewertungsmuster zurückführen, denen ein multikausaler Prozess im Zusammenhang mit der Veränderung politischer und ökonomischer Konstellationen zugrundeliegt. Das Ergebnis dieses Prozesses wird bislang cum grano salis als zunehmender Sprachverlust thematisiert und kaum in seiner Bedeutung als produktive Entwicklung zur Zweisprachigkeit interpretiert. Erst wenn diesem Wandel quer durch die Zeiten nachgegangen wird, die Gründe für die wechselhafte Einstellung der Menschen ihrer eigenen Sprache gegenüber nachvollziehbar werden, wird verständlich, wieso wir heute das haben, was wir haben. Wie wir mit unseren Sprachen umgehen wollen, verabreden wir zu jeder Zeit untereinander, je nachdem wie und mit wem wir unsere Bedürfnisse und Forderungen formulieren, ob wir eine Lobby haben oder überhaupt wollen oder überhaupt haben dürfen. Ausgehandelt wird dieses entweder im Gespräch mit dem Einen oder dem Anderen, mit dem man dann eben auch Niederdeutsch sprechen will, oder auch im Meinungsbildungsprozess etwa mit des Volkes Vertretern, den Politikern.
Dies bedeutet allerdings auch: Der Umgang mit dem Niederdeutschen und das Tun bzw. Nicht-Tun für diese Sprache ist wesentlich geprägt durch die Wiederholung dessen, was über das Niederdeutsche gelernt und vermittelt wurde, was wir also darüber wissen. Und bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein war das für die meisten Menschen nicht viel und auch in der Regel nichts sonderlich Gutes, sogar eher wenig und eher Schlechtes. Niederdeutsch war nach seiner Blütezeit jahrhundertelang als Sprache der einfachen Menschen sozial verachtet. Den Sprachen und Kulturen, die neben der deutschen Standardsprache auf diesem Sprachgebiet vorhanden waren, wurde so gut wie kein geistig-gesellschaftlicher Wert beigemessen. Es gab für sie keinen festen Platz im staatlich organisierten Bildungswesen. Offizielle Vorkehrungen zu ihrem Schutz oder ihrer Pflege waren nicht vorgesehen. Vielmehr blieben diese Sprachen und Kulturen letztlich sich selbst, ihren Sprechern und Freunden, überlassen. Dem Eigenwert der kleinen Sprachen wurde bis vor kurzem kein sonderlicher juristischer Schutz zugewiesen.
Neben den Sprachuntergangsprognosen, die das baldige Aussterben des Niederdeutschen seit Jahrhunderten verkündeten, bildete sich allerdings eine Alltagswelt für den heutzutage notwendigerweise ebenfalls hochdeutsch sprechenden Niederdeutschsprecher, der sich seine Überlebensnischen ausbaute. In dieser zweisprachigen Alltagswelt der Niederdeutschsprecher versammelte sich all das, was der Kultur- und Wissenschaftsbetrieb nur hergeben konnte, für den norddeutschen Sprachraum gilt allgemein: Ob Theater, kirchliche Predigt, Literatur und Musik, Sprach- und Literaturwissenschaft, alles ist zugegen in den verschiedensten Ausprägungen der Professionalität und durchaus nicht immer mit mehr als lokaler Reichweite versehen. Zum Beginn des dritten Jahrtausends stellt es sich nun so dar, dass das Niederdeutsche durchaus keine mindere Sprache ist, wie es den meisten Menschen vor Ort nahegebracht wurde, auch wenn sie es trotzdem schätzen gelernt haben. Gleichwohl, wenn ein Urteil sich als Vorurteil erweist, ist es ein zähes Stück Arbeit, eine andere Sicht der Dinge herzustellen und damit eine zwar unliebsame, aber immerhin vertraute Perspektive aufzugeben. Aber nur so wird dem Gegenstande die gewollte und gewünschte Bedeutung zuteil. Das will heißen: Wenn die Interessen der Menschen, die das Niederdeutsche wollen, nicht von ihnen selbst vertreten werden, wird es keiner tun.
Auch für die Sprache gilt als einzige Konstante der Wandel. Sprache wird andauernd von Menschen verändert, gleichzeitig stabilisiert Sprache aber auch die uns gewohnte Welt. Solange die Sprecher einer Sprache weltoffen sind, das heißt genügend neugierig sind, die Dinge zu benennen oder zu beschreiben, weil die Welt sich verändert, solange lebt eine Sprache. Denn man kann und will sich ja in ihr unterhalten. Ein gewisser Mangel an Neugier gegenüber dem sogenannten Selbstverständlichen, in diesem Falle der Zweitsprache Niederdeutsch, ist auf der Benutzerebene festzustellen. Und damit auch ein Mangel an öffentlich-politischem Druck zur Durchsetzung eigener Wünsche und Vorstellungen, was es mit dieser Sprache so auf sich haben sollte oder könnte. Dieses ändert sich, wie die derzeitigen Bemühungen um das Niederdeutsche erweisen. In vielen Vorhaben zeigt sich exemplarisch das gesteigerte Interesse und auch das gesteigerte Selbstbewusstsein der Sprecher. Ein Bewusstsein für die Einheit dieser „andere[n] deutsche[n] Sprache“[1] fehlt bislang allerdings allenthalben. Dem entspricht auch der bis heute empirisch recht unzugängliche Begriff der Regionalsprache.
[1] vgl. P. Wapnewski: Brunnen, Mond und Stille. Eine Interpretation von Groths „Min Jehann“ aus der von Marcel Reich-Ranicki besorgten Reihe „Frankfurter Anthologie“ der FAZ. In: Klaus-Groth-Gesellschaft. Jahresgabe 39 (1997), 25-27.997)
(FM)






